REDEN SIE MIT!

WELCHE FRAGEN IM BEREICH PSYCHISCHE ERKRANKUNGEN SOLL DIE WISSENSCHAFT IHRER MEINUNG NACH AUFGREIFEN?



Interview mit Mag. Raphaela Kaisler, Programm Leiterin des Forschungsprogramms Psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen
30.01.2017
Was ist das Besondere an dem Projekt „Psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen“?

Das Besondere an diesem Projekt ist die Herangehensweise wie Forschung mit der Einbindung der Gesellschaft neu entwickelt werden kann. Das daraus resultierende Forschungsprogramm der LBG zu „Psychischer Gesundheit von Kinder und Jugendlichen“ ist erstmals direkt aus Beiträgen aus der Community entstanden. In der Crowdsourcing-Initiative „Reden Sie mit!“ konnten Betroffene, Angehörige und ExpertInnen ihre Gedanken zu „Welche Fragen zu psychischen Erkrankungen soll die Wissenschaft ihrer Meinung nach aufgreifen“ mitteilen. Ich finde es besonders erwähnenswert, dass das Forschungsthema direkt aus der Community kommt. Dieses Projekt hat es geschafft, die Community als Wissensträger in Forschungsvorhaben einzubinden. Ich freue mich schon sehr auf die Umsetzung der Forschungsthemen in konkrete Forschungsprojekte, die nun in einem Ideas Lab ausgearbeitet werden.

Was ist das Ideas Lab?

Das Ideas Lab ist ein neuartiges innovatives Auswahlverfahren zur Zusammenstellung von internationalen und interdisziplinären Forschungsgruppen. In einem fünf-tägigen Workshop werden 25-30 erfahrene WissenschaftlerInnen unterschiedlicher Disziplinen zusammen gebracht, um gemeinsam eine Forschungsidee auszuarbeiten. Dabei fördern wir gezielt freies, vorbehaltloses Denken über disziplinäre Grenzen. Die Zusammenarbeit mit KollegInnen aus unterschiedlichen Disziplinen und Hintergründen ermöglicht neue kreative Lösungsansätze zu komplexen Problemstellungen zu finden. Das Ideas Lab bietet nicht nur den Raum für innovative Ideen, es ist auch ein Katalysator für neue Kollaborationen und daraus resultieren neue Forschungsfragen.

Warum dieses Format, was erwartet man sich davon?

Wir haben dieses Format gewählt um alte Denkmuster aufzubrechen. Interdisziplinäre Forschung bedeutet nicht nur mit KollegInnen aus unterschiedlichen Disziplinen zusammen zu arbeiten, sie bietet auch die Möglichkeit aus anderen Blickwinkeln und mit „fremden“ Methoden an ein Forschungsthema heran zu treten. Daraus entwickelt sich dann die „eigentliche Innovation“, etwas radikales Neues. Mit diesem Format wollen wir WissenschaftlerInnen ermutigen über den Tellerrand zu blicken und von anderen Ideen inspirieren zu lassen, um Neues zu schaffen. Es ist mir besonders wichtig, die Community in den gesamten Prozess, also im Ideas Lab als auch in den Forschungsprojekten, weiter einzubinden. Die Forschungsgruppen sollen einen intensiven Kontakt mit der Community pflegen, damit diese die Forschung mitgestalten und neue Ideen einbringen kann.

Danke für das Gespräch!
Interview mit Mag. Claudia Lingner, Geschäftsführerin der Ludwig Boltzmann Gesellschaft und Initiatorin von Open Innovation in Science
29.02.2016
Wo stehen Sie bei der Überführung der Forschungsfragen in konkrete Aktivitäten?

Reden Sie mit! hat uns 400 hochqualitative Beiträge gebracht, auf denen wir nun aufbauen. Aus den eingereichten Fragestellungen und Problemschilderungen haben wir jene Themen herausgearbeitet, die von hoher Relevanz für die Gesellschaft sind und wo es Forschungsbedarf gibt. Nun sind wir mit umfangreichen Recherchen befasst und sammeln Informationen über laufende Projekte, Forschungsaktivitäten und relevante Stakeholder – damit meine ich sowohl ForscherInnen und PraktikerInnen als auch Anwenderorganisationen. Diese Recherchen sind zentral, um hochwertige Forschungsaktivitäten aufsetzen zu können, auch wenn diese Aktivitäten von außen nicht unbedingt sichtbar sind.

Stimmt, es ist ruhiger geworden um Ihr Projekt und man fragt sich, was mit den Ergebnissen passiert…

Genau das meine ich! Es ist nicht immer leicht, den Projektfortschritt sichtbar zu machen – aber wir machen täglich wichtige Schritte. Konkret heißt das, dass unser Team aktuell damit befasst ist, den Forschungsstand zu speziellen Fragestellungen darzustellen. Ebenso historisches Material zum Thema – wie Kampagnen, etc. – zu identifizieren und ein AkteurInnen-Netzwerk aus unterschiedlichen Disziplinen aufzubauen. Was wir hier tun, ist zu einem großen Teil Pionierarbeit in der Wissenschaft, d.h. wir experimentieren. Das birgt auch viele Risiken, aber immer auf Nummer sicher zu gehen, bringt uns auch nicht weiter!

Was ist hier die Vision der LBG?

Wir arbeiten daran, eine Forschungsgruppe zu bilden, die sich mit neuartigen Fragen im Bereich psychischer Erkrankungen beschäftigt und dabei die Prinzipien von „Open Innovation in Science“ in die Praxis umsetzt. Sprich: Es geht darum, sich nach vielen Seiten hin zu öffnen und über Disziplinen und Fachbereiche hinweg zu arbeiten – gemeinsam mit AnwenderInnen.

Das klingt, als wäre die Community auch weiterhin in den Forschungsprozess eingebunden?

Unsere Reden Sie mit!-Community besteht aus Betroffenen, FreundInnen und Familienmitgliedern psychisch Kranker, aus FachexpertInnen aus der psychiatrischen Pflege, aus PsychiaterInnen, PsychologInnen, PsychotherapeutInnen, LehrerInnen und, und, und. Immer wieder kontaktieren uns Menschen und erkundigen sich über den Projektverlauf – wir freuen uns über das anhaltende Interesse und schätzen den Dialog. All diese Menschen mit ihrem wertvollen Wissen, die sogenannte Community, wird weiterhin eine essenzielle Rolle bei unseren Aktivitäten spielen.

Die Halbzeit des Projektes „Open Innovation in Science“ der Ludwig Boltzmann Gesellschaft ist nun erreicht. Wie beurteilen Sie das Projekt aus heutiger Sicht?

Wir haben uns das Ziel gesetzt, neue Forschungsfragen im Bereich psychischer Erkrankungen aufzuspüren. Mit der Initiative Reden Sie mit! haben wir einen für die Forschung unüblichen Weg beschritten, um etwas Neues zu schaffen, um in weiterer Konsequenz neuartiges Wissen zu erarbeiten, das der Gesellschaft nützt. Ich bin davon überzeugt, dass lineares Denken in der Wissenschaft an Grenzen stößt, die man durch die gezielte Einbindung so genannter „unüblicher WissensgeberInnen“ überwinden kann. Wir leben noch immer in einer Kultur, in der Schutz von Rechten höher bewertet wird als das Teilen von Wissen. Aber gerade dieses Teilen von Wissen kann phantastische Früchte tragen, von denen die Allgemeinheit in hohem Maße profitiert. Außerdem konnten wir zeigen, wie man in einer sehr, sehr frühen Phase des Forschungsprozesses BürgerInnen erfolgreich einbindet. Damit haben wir auch im Bereich „Citizen Science“ einen Meilenstein gesetzt.

Danke für das Gespräch!
Pressekonferenz - Ludwig Boltzmann Gesellschaft - Ergebnisse "Reden Sie mit!"
02.12.2015
In einem für Europa einzigartigen Open Innovation-Projekt „Reden Sie mit!“ hat die Ludwig Boltzmann Gesellschaft (LBG) PatientInnen, Angehörige und betreuende Fachleute in die Generierung von Forschungsfragen eingebunden.

Harald Mahrer, Staatssekretär im Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft: „Die Ergebnisse zeigen, dass Open Innovation neue Perspektiven in der Wissenschaft ermöglicht. Durch Ideen und Kreativität des gesamten Schwarms tauchen immer neue Fragestellungen auf. Das führt zu einem Mehr an Innovationen und konkreten Lösungen aus der Wissenschaft.“ Die österreichische Bundesregierung, die derzeit eine nationale Open Innovation-Strategie entwickelt, unterstützt das Vorhaben als Leuchtturm-Projekt, das internationale Sichtbarkeit bringt. Nun sollen konkrete Forschungsmaßnahmen im Bereich psychischer Erkrankungen, basierend auf den Ergebnissen von „Reden Sie mit!“, folgen.

Knapp 20.000 BesucherInnen der Online-Plattform aus über 80 Ländern und 400 hochwertige Beiträge – dieses Resultat schaffte die Crowdsourcing-Initiative „„Reden Sie mit!“!“ im Bereich psychischer Erkrankungen. Die Erwartungen von ExpertInnen wurden weit übertroffen. Die Fragestellung „Welche ungelösten Fragen zu psychischen Erkrankungen soll die Wissenschaft Ihrer Meinung nach aufgreifen?“ beantworteten Betroffene, Angehörige, ÄrztInnen, TherapeutInnen und andere ExpertInnen auf einer Online-Plattform in großer Intensität. Die eingereichten Beiträge wurden analysiert und geclustert, von der Crowd und einer Fachjury bewertet und zu Forschungsansätzen verarbeitet.

Drei Themenfelder für neue Forschungsarbeiten identifiziert

Josef Pröll, Präsident der Ludwig Boltzmann Gesellschaft: „Laut WHO entfallen bereits 22 Prozent aller Krankheiten in westlichen Gesellschaften auf psychische Störungen. Das bedeutet, dass über 83 Millionen Menschen von psychischen Störungen betroffen waren bzw. sind. In Österreich sind etwa 900.000 Menschen psychisch erkrankt und es ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer weit höher ist. Mit der Methode, die Crowd zu befragen, hat die Ludwig Boltzmann Gesellschaft das Potenzial aller Betroffenen (wie PatientInnen, Angehörige, TherapeutInnen, Pflegefachkräfte und MedizinerInnen) gebündelt und um deren Erfahrungen und Probleme gefragt. Das Vorbild dafür lieferte ein Projekt der Harvard Medical School. Wir sahen ein enormes Bedürfnis an neuen Forschungsarbeiten und konnten über Mustererkennungsprozesse drei Themenfelder identifizieren, deren Erforschung für die Crowd, die sich beteiligt hat, besonders dringlich ist und auch von den ExpertInnen der Fachjury bestätigt wurde: die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen, die Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen und die Erzielung von größeren Fortschritten in der Versorgungsforschung.“

Neuartigkeit steigt durch Einbindung von Betroffenen

Die Resultate des Projekts zeigen eindeutig, dass die Wissenschaft davon profitieren kann, wenn sie Forschungsprozesse gezielt öffnet und Open Innovation-Methoden in ihre Arbeit integriert: Die Fachjury, in der das gesamte Spektrum der Fachexpertise zu psychischen Erkrankungen von WissenschaftlerInnen, TherapeutInnen bis hin zu direkt Betroffenen vertreten war, hat den Ergebnissen durchgängig eine hohe Neuartigkeit bescheinigt. Die meisten Fragestellungen wurden in dieser Form noch nicht oder kaum erforscht und erfordern einen hohen Grad an Interdisziplinarität in ihrer Bearbeitung.

Österreich entwickelt nationale Open Innovation-Strategie

Die Initiative „„Reden Sie mit!“!“ der Ludwig Boltzmann Gesellschaft steht im Einklang mit einer von der Bundesregierung begonnenen Open Innovation-Strategie. Staatssekretär Mahrer: „Als eines der ersten Länder weltweit erarbeiten wir derzeit eine nationale Open Innovation-Strategie. Dabei spielen die Erkenntnisse der Crowdsourcing-Initiative ‚„Reden Sie mit!“!‘ eine bedeutende Rolle. Die Initiative ist ein absolutes Leuchtturm-Projekt und international einzigartig. Sie gibt einerseits wichtige Impulse für mehr Transparenz und Beteiligung in der Wissenschaft, andererseits setzt sie neue Maßstäbe in der Entwicklung und Anwendung von Open Innovation-Methoden in der europäischen Forschungslandschaft. Die gewonnenen Erkenntnisse müssen nun zügig Eingang in den Forschungsprozess in anderen Wissenschaftsdisziplinen finden. Und wir müssen die Anwendung von Open Innovation-Methoden nachhaltig im österreichischen Forschungs- und Innovationssystem verankern.“

Mahrer hob hervor, dass die Zusammenarbeit quer über die Grenzen von Organisationen und Disziplinen hinweg wesentlich für die künftige Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Österreich sei, auch angesichts des zunehmenden Wettbewerbs mit Asien. „Für eine kleine, offene Volkswirtschaft, die kaum natürliche Ressourcen hat, ist hohe Innovationskraft die einzige Überlebensversicherung. Mit der Open Innovation Strategie wollen wir brach liegendes Innovationspotenzial in Österreich heben. Dabei setzen wir von Beginn an auf aktive Bürgerbeteiligung. Immerhin haben wir acht Millionen Experten im Land, das Potenzial an Kreativität wollen wir heben. Jeder kann unter www.openinnovation.gv.at an der Strategie mitschreiben und seine Ideen einbringen. Ganz nach dem Motto 'Mitgestalten statt nur Zuschauen'". Mahrer kündigte zudem an, dass BMVIT und BMWFW am 18. Jänner 2016 in Wien im Rahmen der Erarbeitung der nationalen Open Innovation-Strategie einen Stakeholder-Workshop durchführen würden. Zu diesem seien die VertreterInnen aus der Wissenschaft, der Wirtschaft und aus den Bereichen soziale Innovation / Zivilgesellschaft herzlich eingeladen.

Ludwig Boltzmann Gesellschaft plant gezielte Maßnahmen zur Erforschung psychischer Erkrankungen

Der logische nächste Schritt nach „„Reden Sie mit!““ ist eine rasche Überführung der Ergebnisse in konkrete Forschungsaktivitäten. Um dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen, ist die Ludwig Boltzmann Gesellschaft bereits mit nationalen und internationalen PartnerInnen in Kontakt. Ziel ist es, dass die Wissenschaft eine Brücke in die Gesellschaft und Wirtschaft schlägt und die Fragestellungen interdisziplinär und in Partnerschaften zwischen Wissenschaft und anwendungsorientierten Institutionen bearbeitet werden. „2009 haben in Österreich 900.000 Menschen Sozialleistungen aufgrund psychischer Erkrankungen erhalten. Die Kosten werden mit rund 850 Millionen Euro pro Jahr angesetzt“, sagte Josef Pröll und fügte hinzu: „An jedem statistischen Fall hängt ein Schicksal. Als Gesellschaft brauchen wir hier gezielte Forschung und auch neue Lösungen aus der Wissenschaft.“

Für Claudia Lingner als Geschäftsführerin der Ludwig Boltzmann Gesellschaft ist es wichtig, umgehend mit der wissenschaftlichen Arbeit zu beginnen: „Die große Beteiligung an unserer Open Innovation-Initiative ist auch als Auftrag zu verstehen. Das nehmen wir sehr ernst.“

Über die Ludwig Boltzmann Gesellschaft

Die Ludwig Boltzmann Gesellschaft (LBG) ist Österreichs unabhängiger Forschungsinkubator mit Schwerpunkt Health Sciences und betreibt 18 Forschungsinstitute und -cluster mit rund 600 Mitarbeiter/innen. Die LBG steht mit ihrem Motto "Forschung für Menschen" für die Behandlung gesellschaftsrelevanter Forschungsfragen.

Rückfragehinweis:

Ludwig Boltzmann Gesellschaft

Dr. Lucia Malfent

Project Managerin Open Innovation in Science

Tel.: +43 (0) 1 513 27 50-21

Mobil: +43 (0) 676 392 19 40

E-Mail: lucia.malfent@lbg.ac.at

INTERVIEW MIT DER INITIATIVEN - PROJEKTLEITERIN FRAU DR. LUCIA MALFENT
23.11.2015
Frau Dr. Malfent, vor wenigen Wochen wurden die ersten Ergebnisse von „Reden Sie mit!“ veröffentlicht. Wenn Sie auf die vergangenen acht Monate zurückschauen, worüber haben Sie sich besonders gefreut?

Wir sind wirklich beeindruckt gewesen, wie viele hochwertige Einreichungen uns erreicht haben. Für uns ist es ein großer Vertrauensbeweis, dass so viele Personen ihre persönlichen Erfahrungen, Wünsche, aber vor allem auch Fragen mitgeteilt haben – das bringt natürlich eine große Verantwortung mit sich. Psychische Erkrankungen werden leider noch immer stark stigmatisiert und Betroffene und Angehörige haben oftmals nachvollziehbare Hemmungen, darüber zu sprechen, obwohl es so wichtig ist! Gerade deshalb waren wir einfach überwältigt, welche Resonanz unsere Initiative erreicht hat. Wir können uns das immer nur vor Augen halten: Über 20.000 BesucherInnen auf unserer Website aus der ganzen Welt und 400 starke Beiträge, aus denen 446 Subthemen identifiziert werden konnten – das Ergebnis macht uns wirklich stolz. Was uns natürlich auch sehr freut ist die internationale Anerkennung, die das Projekt erfährt. Eva Guinan, Professorin an der Harvard Medical School war gerade 2 Tage in Wien und hat betont wie innovativ und richtungsweisend sie die Initiative der Ludwig Boltzmann Gesellschaft findet!

Was hat in Ihren Augen am meisten zum Erfolg beigetragen?

Die Ansprache über verschiedene Kanäle hat dazu geführt, dass wir zum einen eine große Aufmerksamkeit erzielen konnten, die vor allem auch eine Auseinandersetzung mit der Problematik angestoßen hat: Dass psychische Erkrankungen nicht nur viel mehr Personen betreffen, als häufig angenommen, sondern dass die Stigmatisierung und Hilflosigkeit vielen Betroffenen und Angehörigen massive Probleme bereiten. Hier haben unter anderem unsere Website, die Präsenz in den Medien und Veranstaltungen einen wertvollen Beitrag geleistet. Entscheidend für die tatsächliche Teilnahme war vor allem die Zusammenarbeit mit unseren MultiplikatorInnen und Partnerorganisationen, über die wir Betroffene und Angehörige adressieren konnten. Das hat die Glaubwürdigkeit und das Vertrauen in unsere Initiative maßgeblich verstärkt.

Bei welchen Themenfeldern sieht die Community den größten Forschungsbedarf?

Besonders augenscheinlich ist der Forschungsbedarf wenn es um die psychische Gesundheit bzw. psychische Erkrankungen bei Kindern geht. Das hat sich übrigens auch in der Beurteilung der Beiträge durch unsere ExpertInnen-Jury gezeigt. Sehr viele Beiträge haben wir auch zum Thema Psychopharmaka erhalten – Fragen etwa zu Nebenwirkungen oder alternativen Therapieformen beschäftigen sehr viele PatientInnen. Aber auch die Bereiche Psychische Resilienz und Versorgungsstrukturen erhielten viel Zuspruch.

Was sind die nächsten Schritte?

Ende Oktober hat die Community über die wichtigsten Fragestellungen abgestimmt, die anschließend noch einmal von unserer Fachjury bewertet wurden. Durch diesen zweistufigen Prozess sind wir unserem Anspruch gerecht geworden, die Wünsche der Community aufzunehmen, durch die Meinung unserer ExpertInnen aber auch sicherzustellen, dass tatsächlich Fragen aufgegriffen werden, die die Wissenschaft bereichern und durch die Forschungslücken aufgezeigt werden.

Als nächster Schritt folgt die Zusammenstellung und Präsentation der daraus gewonnenen Ergebnisse und Erkenntnisse von „Reden Sie mit!“. Anfang Dezember werden diese im Rahmen einer Pressekonferenz vorgestellt. Eines kann ich schon verraten, es zeichnet sich ab, dass es vor allem interdisziplinäre Fragestellungen sein werden, die die ForscherInnen im Bereich psychischer Erkrankungen zu lösen haben.

Ergebnisse des Online-Votings stehen fest
23.10.2015
Die „Reden Sie mit!“-Community hat entschieden: Psychopharmaka, Psychische Resilienz und die Versorgungstrukturen für psychisch erkrankte Menschen sind die drei wichtigsten Themenfelder für die künftige Erforschung psychischer Erkrankungen.

Wien, 21. Oktober 2015 – Nach der erfolgreichen Beteiligungsphase an der Initiative „Reden Sie mit!“ mit knapp 400 Beiträgen aus aller Welt zur künftigen Erforschung psychischer Erkrankungen, hat die Community nun die wichtigsten Fragestellungen identifiziert: 22 Prozent aller Stimmen entfielen auf den Bereich Psychopharmaka, gefolgt von Psychischer Resilienz mit 19 und Versorgungsstrukturen mit 17 Prozent. Es folgen die Themenfelder neuartige und alternative Therapieformen (13 Prozent), Entstigmatisierung (11 Prozent), Psychosomatik (10 Prozent) und Präzisere Diagnosen (8 Prozent). Insgesamt 217 Teilnehmer nahmen diesmal an dem vierzehntägigen Online-Voting auf der Open-Innovation Plattform Reden Sie mit! teil.

„Wir freuen uns, dass wir mit dem Online-Voting erneut viele Interessierte erreicht haben, die mit ihrer Stimme an der künftigen Ausrichtung der Erforschung mitwirken möchten. Durch unsere Initiative rückt die Wissenschaft näher an diejenigen heran, die durch psychische Erkrankungen direkt als Patient/in, Angehörige/r oder Experte/in betroffen sind“, sagt Dr. Lucia Malfent, Projektmanagerin der Initiative „Open Innovation in Science“.

Besonders der Einsatz von Psychopharmaka soll nach Wunsch der Community stärker in den Fokus der Wissenschaft rücken. Die Erforschung von Behandlungsalternativen, Wechselwirkungen oder Langzeitfolgen sind dabei Forschungsfelder, die bisher laut TeilnehmerInnen noch zu wenig von der Wissenschaft behandelt werden. Auch für das Thema Psychische Resilienz, also die Widerstandsfähigkeit gegenüber psychischen Erkrankungen, machten sich viele TeilnehmerInnen stark: Wie können Kinder besser auf psychische Belastungen vorbereitet werden? Wie wirken sich Faktoren wie Konsum oder Mediennutzung auf die psychische Gesundheit aus? Wie können Angehörige oder PflegerInnen gestärkt werden, um selbst nicht zu erkranken?

Internationale Fachjury beurteilt Forschungsthemen – Finale Veröffentlichung in einer Woche

Anknüpfend an die Abstimmung der Community werden die Ergebnisse jetzt von einer Jury aus 9 ExpertInnen beurteilt. „Die Analyse durch die ExpertInnen wird vor dem Hintergrund der Neuartigkeit und der Relevanz für die Forschung, aber vor allem im Hinblick auf den Nutzen für die Gesellschaft erfolgen“, so die Projektmanagerin. Auf Basis der Erkenntnisse aus Online-Voting und Jury-Beurteilung werden bis Ende des Jahres Forschungsfragen aus den drei prioritären Forschungsfeldern formuliert und schließlich konkrete Forschungsmaßnahmen dazu initiiert.

Über „Open Innovation in Science“

Das Projekt „Reden Sie mit!“ und das an WissenschaftlerInnen gerichtete Weiterbildungsprogramm LOIS sind Teil der europaweit einzigartigen Initiative „Open Innovation in Science“, deren Ziel es ist, Open Innovation Methoden in der Wissenschaft zu etablieren. Die gesamte Initiative wird getragen von der österreichischen Ludwig Boltzmann Gesellschaft und international von einem renommierten Advisory Board unterstützt, dem unter anderem VertreterInnen der WHO, der Harvard Medical School und der Max-Planck-Gesellschaft angehören. Durch die gezielte Öffnung des Innovationsprozesses soll neues Wissen von außen in die Forschung eingebracht werden. Weitere Informationen finden Sie hier

Über die Ludwig Boltzmann Gesellschaft

Die Ludwig Boltzmann Gesellschaft (LBG) ist Österreichs unabhängiger Forschungsinkubator mit Schwerpunkt Health Sciences. Sie betreibt 18 Forschungsinstitute und -cluster mit rund 600 MitarbeiterInnen. Die LBG steht mit ihrem Motto „Forschung für Menschen“ für die Behandlung gesellschaftsrelevanter Forschungsfragen.

Für weitere Informationen steht Ihnen zur Verfügung: Ludwig Boltzmann Gesellschaft Dr. Lucia Malfent Project Manager Open Innovation in Science Tel.: +43 (0) 1 513 27 50-21 Mobil: +43 (0) 676 392 19 40 E-Mail: lucia.malfent@lbg.ac.at
INTERVIEW MIT DR. ULRIKE SCHMIDT ZUM THEMA PSYCHISCHE PROBLEME BEI FLÜCHTLINGEN
25.09.2015
Frau Dr. Schmidt, tausende von Flüchtlingen kamen in den letzten Tagen nach Österreich und Deutschland, viele werden noch folgen. Diese Menschen haben aufgrund ihrer Erlebnisse im Krieg und auf der Flucht ein erhöhtes Risiko psychisch zu erkranken. Welche psychischen Erkrankungen treten in diesen Situationen am häufigsten auf?

Die häufigsten psychischen Erkrankungen bei Flüchtlingen sind die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) und die Depression.

Menschen entwickeln PTBS nach traumatischen Erlebnissen, das sind zum Beispiel Gewalt oder eine Flucht unter Bedingungen, wie sie die Menschen aus Syrien momentan ertragen müssen. Bei einer PTBS kann man verschiedene Symptome bekommen, das Hauptsymptom sind die Flashbacks. Das heißt, dass die schlimmsten Momente, die diese Menschen erleben mussten, immer wieder und willkürlich vor ihrem geistigen Auge auftauchen. Das führt von Konzentrations- und Schlafstörungen bis hin zum Suizid bzw. zu Suizid-Versuchen. Betroffene weisen auch Vermeidungsverhalten auf, das heißt, dass sie bestimmte Dinge, die sie früher gerne gemacht haben, aus Angst nicht mehr bewältigen können. Beispielsweise schaffen es Menschen dann nicht mehr, sich wie früher problemlos in ein Auto zu setzen oder Fahrstuhl zu fahren, wenn sie tagelang versteckt in großer Angst und Enge in einem LKW von Schleusern übers Land gefahren worden sind.

Eine weitere Traumafolgestörung ist die akute Belastungsstörung, welche jeder Mensch bekommen kann. Egal, ob man an einer psychischen Erkrankung leidet oder nicht. Und das kann passieren, wenn man etwas besonders Schlimmes erlebt, und zwar in der akuten Situation. Im Gegensatz zur PTBS, die nach einem Trauma mit Verzögerung einsetzt, tritt die akute Belastungsreaktion sofort nach dem schrecklichen Ereignis auf. Die Betroffenen leiden dann nicht unter Flashbacks, sondern sie zeigen eine akute Wesensveränderung. Sie sind entweder extrem unruhig, schreien, handeln ungewohnt irrational oder sprechen und bewegen sich kaum noch und wirken entrückt. Auch das kann man bei Flüchtlingen häufig beobachten.

Wie bereits erwähnt, können neben der PTBS auch andere psychopathologische Symptome, nämlich vor allem depressive Symptome, durch traumatische Erlebnisse entstehen.

Gibt es eine Personengruppe, die besonders anfällig ist, solche psychischen Erkrankungen zu entwickeln?

Es ist grundsätzlich so, dass Frauen eine höhere Vulnerabilität bzw. Empfänglichkeit für Erkrankungen wie die PTBS haben. Auch Kinder sind besonders stark betroffen, weil sie vieles noch gar nicht einordnen und reflektieren können. Wer zudem ein höheres Risiko hat, sind Menschen, die schon vorher psychische Erkrankungen hatten. Man muss aber auch sagen: Psychische Erkrankungen können jeden betreffen! Je schlimmer die Lebenslage, umso häufiger treten psychische Erkrankungen auf, unabhängig von bestimmten Bevölkerungsgruppen.

Können Menschen mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung Heilung erwarten?

Ja, man kann sich Heilung erwarten, wenn man die entsprechende Therapie bekommt. Das bedeutet, dass man eine Psychotherapie in Anspruch nimmt, oder bei manchen Symptomen, wie zum Beispiel Schlafstörungen, zusätzlich Medikamente einnimmt. Man muss aber bedenken, dass eine Therapie erst Sinn macht, wenn die Lebensbedingungen der PatientInnen gesichert sind. Das heißt konkret für Flüchtlinge, dass sie nicht mehr auf der Flucht sind, sondern ein Dach über dem Kopf haben und mit Nahrungsmitteln ausreichend versorgt sind. In der jetzigen Akut-Situation kann man diesen Menschen mit humanitärer Hilfe am besten zur Seite stehen. Erst dann kann man den zweiten Schritt machen und eine Therapie angehen.

Wenn man in der Kindheit über eine lange Zeit hinweg traumatisiert worden ist, dann bleibt oft trotz Therapie zumindest ein kleiner Teil der Erkrankung bestehen. Aber auch Menschen mit schwerer PTBS können mit der richtigen Therapie ein glückliches Leben führen.

Wie steht es um die Versorgung für Hilfesuchende?

Wir, die Trauma Ambulanz des Max-Planck-Institutes für Psychiatrie, haben in der Vergangenheit bereits zwar vereinzelt Flüchtlinge aufgenommen, die uns über die Nothilfe von anderen Krankenhäusern zugewiesen worden sind, aber das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Fakt ist, dass jeder Flüchtling, der bei uns ankommt, Hilfe benötigt.

Sobald die humanitären Hilfen angekommen sind, sollte man schnellstens auch therapeutische Hilfe anbieten. Momentan ist es leider selbst für ÖsterreicherInnen und Deutsche schwierig, einen Therapieplatz zu bekommen. In manchen Bereichen gibt es einfach zu wenige TherapeutInnen, gerade TraumatherapeutInnen sind sehr rar. Hier müssen große Organisationen in Bewegung gesetzt werden, wie zum Beispiel die deutschen und österreichischen ärztlichen Fachgesellschaften, Bundesverbände von ÄrztInnen und TherapeutInnen, etc. Das würde ich sehr wichtig finden.

Eine Sache möchte ich noch sagen: Meine Großeltern sind nach dem 2. Weltkrieg von Ostpreußen vertrieben und dann auch aufgenommen worden. Das war damals eine ähnliche Situation, als die Menschen aus den Ostgebieten geflohen sind. Nur mit dem Unterschied, dass sich alles innerhalb desselben Kulturkreises abgespielt hat. Aber ich denke, an diese Zeiten, die noch nicht so lange her sind, sollte man sich jetzt erinnern und versuchen daraus zu lernen. Damals ging es ja auch irgendwie.
INTERVIEW MIT GERTRAUD LEIMÜLLER ÜBER ERSTE ERGEBNISSE VON REDEN SIE MIT! UND DEN NUN FOLGENDEN ANALYSEPROZESS
16.07.2015
Frau Dr. Leimüller, bei Reden Sie mit! handelt es sich um Crowdsourcing, eine Open Innovation Methode. Könnten Sie uns kurz erläutern, was bei Crowdsourcing genau passiert und wie sich die Initiative Reden Sie mit! von anderen Crowdsourcing Projekten unterscheidet?

Die häufigste Form von Crowdsourcing sind offene Internet-Wettbewerbe, bei denen jede/r UserIn bzw. NutzerIn Lösungsideen zu einer Fragestellung einreichen kann. Üblicherweise gewinnen am Ende die besten Ideen.

Bei Reden Sie mit! sind hingegen alle TeilnehmerInnen von Anfang an schon GewinnerInnen: Wir fragten nicht nach konkreten Lösungsideen, sondern nach den grundlegenden Problemen, welche künftig erforscht werden sollten. Es handelt sich bei Reden Sie mit! somit um ein Problem-Crowdsourcing, das neue Impulse für die Forschung bringt. Das ist für alle Betroffenen und Betreuungspersonen ein Gewinn, weil jede/r Einzelne dazu beitragen kann, die künftige Forschung mitzugestalten.

Die Initiative Reden Sie mit! hat knapp 400 Beiträge eingebracht. Haben Sie damit gerechnet, dass es so viele sein werden?

Nein. Wir sind komplett überrascht, dass wir eine so große Zahl an Einreichungen von so hoher Qualität bekommen haben. Normalerweise gibt es auch immer unverwertbare Beiträge. Das war hier anders, wir können ausnahmslos alle Beiträge auswerten. Wir wussten, dass das Thema vielen Menschen unter den Nägeln brennt. Aber dass wir so viele von ihnen überzeugen können, sich zu äußern und sehr wertvolle, mitunter lange Einreichungen zu schreiben, ist eine riesige Überraschung und gibt der Initiative großes Gewicht. Sehr geholfen haben uns unsere Partnerorganisationen in ganz Österreich und Deutschland bei der Bekanntmachung von Reden Sie mit!, denn Ihre Aktivitäten haben viele Menschen mobilisiert.

Wissen Sie, wer die Menschen sind, die sich an Reden Sie mit! beteiligt haben?

Die EinreicherInnen kommen aus allen Altersgruppen und aus unterschiedlichen Berufen. Außerdem weisen sie einen guten Mix auf: Ein großer Teil, nämlich 40 Prozent, ist selbst von psychischen Erkrankungen betroffen, weitere 17 Prozent sind Angehörige von psychisch Erkrankten. Neben diesem privaten Bereich hat sich jedoch auch die berufliche Ebene sehr angesprochen gefühlt: 26 Prozent der EinreicherInnen kommen aus pflegenden Berufen, 13 Prozent sind PsychotherapeutInnen, PsychologInnen, NeurologInnen oder PsychiaterInnen.

Interessant ist jedoch, dass die Mehrheit der TeilnehmerInnen weiblich ist. Insgesamt hat sich durch die Vielzahl an EinreicherInnen gezeigt, dass Open Innovation Methoden wie Crowdsourcing auch jenen eine Stimme geben können, die sonst nicht immer in die erste Reihe drängen oder die Forschung dominieren.

Bitte erklären Sie uns, was nun mit den Beiträgen passiert und wie es im Projekt weitergeht!

Wir stehen vor einem intensiven Sommer: Jeder einzelne Beitrag wird nun, selbstverständlich anonymisiert, gelesen und von einem Analyseteam, das durch ExpertInnen für psychische Erkrankungen unterstützt wird, ausgewertet. Es geht dabei um qualitative Datenanalyse und Mustererkennung: Welche Themen kommen immer wieder vor und werden von mehreren Einreichungen gestützt? Im September, wenn die wesentlichen Themenfelder feststehen, laden wir dann alle TeilnehmerInnen zu einem Online-Voting ein. Danach ist eine ExpertInnen-Jury am Wort, um die wichtigsten Themenfelder auszuwählen.

Lässt sich schon sagen, wie die Forschung von dieser Initiative profitieren wird?

Zum einen wird die Forschung methodisch profitieren: Noch bevor wir genaue Resultate haben, zeigt Reden Sie mit! klar auf, dass Betroffene, Angehörige und betreuende Fachkräfte sehr viel Wissen haben, das man in der Forschung nutzen kann, um besser und schneller zu Resultaten zu kommen, die der Gesellschaft tatsächlich nützen. Solche Projekte machen deutlich, dass man Forschungsprozesse verändern und neu denken muss. Zum anderen wird die Forschung inhaltlich lernen: Wo drückt der Schuh, welche Themen müssen künftig intensiver angegangen werden? Ich bin mir sicher, dass die ForscherInnen aus der Lebenspraxis von Betroffenen sehr viel lernen können und künftig diese Themen neu angehen werden.


Frau Dr. Gertraud Leimüller ist Co-Initiatorin von Open Innovation in Science und Geschäftsführerin von winnovation (www.winnovation.at), einem auf Open Innovation Methoden spezialisierten Forschungs- und Beratungsunternehmen in Wien. Mit ihren ExpertInnen unterstützt sie die Initiative Open Innovation in Science unter anderem im Analyseprozess.
„Reden Sie mit!“ erreicht fast 20.000 Menschen weltweit
13.07.2015

Insgesamt 386 qualitativ hochwertige Beiträge wurden von PatientInnen, Beteiligten und ExpertInnen bei der Initiative „Open Innovation in Science“ in zehn Wochen eingereicht

Wien 13. Juli 2015 – Unter dem Motto „Reden Sie mit!“ hat die Ludwig Boltzmann Gesellschaft mit ihrer Initiative „Open Innovation in Science“ (OIS) fast 20.000 Personen aus 83 Ländern erreicht. Über 380 hochwertige Vorschläge für die künftige Erforschung psychischer Erkrankungen wurden eingereicht. Vom 16. April bis zum 6. Juli konnten sich Betroffene, Angehörige und ExpertInnen zehn Wochen lang mit ihren Beiträgen zu bislang ungeklärten Fragen bei der Erforschung psychischer Erkrankungen beteiligen.

Josef Pröll, Präsident der Ludwig Boltzmann Gesellschaft: „Die Bilanz dieses ersten Teils der OIS-Initiative ist überwältigend. Die Anzahl und vor allem die Qualität der eingereichten Beiträge zeigen uns, dass wir mit unserem Ansatz, das Wissen von Betroffenen und Beteiligten in die Erforschung einzubeziehen, einen Nerv getroffen haben. Wir sind mit diesen ersten Ergebnissen unseres Pionier-Projekts sehr zufrieden. Jetzt gilt es, das Momentum zu nutzen, die Ergebnisse schnell aufzuarbeiten und den Beteiligten sowie der Öffentlichkeit eine Zusammenfassung aus den eingereichten Vorschlägen zurückzuspielen.“

Am stärksten beteiligten sich PatientInnen, Frauen und HochschulabsolventInnen

Der Erfolg des ersten Schritts dieser europaweit einzigartigen Initiative bestätigt die Ergebnisse einer zuvor durchgeführten repräsentativen Umfrage, wonach fast 80 Prozent der Bevölkerung sich eine stärkere Einbeziehung in die Entwicklung von wissenschaftlicher Forschung wünschen. Rund 40 Prozent der TeilnehmerInnen, die freiwillig Angaben zu ihrer Person gemacht haben, bezeichneten sich laut der internen Auswertung als PatientInnen und 17 Prozent als Angehörige. Rund ein Viertel der AbsenderInnen von Vorschlägen gab an, im Gesundheits- und Krankenpflegebereich tätig zu sein, 13 Prozent der teilnehmenden Personen sind PsychiaterInnen, PsychologInnen und PsychotherapeutInnen.

„Fast 70 Prozent der TeilnehmerInnen sind weiblich und sechs von zehn verfügen über einen Hochschulabschluss. Besonders freut uns die internationale Beteiligung an der Initiative: Jeweils etwas mehr als ein Drittel der TeilnehmerInnen kommt aus Deutschland bzw. aus Österreich. Ein weiteres knappes Drittel nimmt aus dem Rest der Welt an „Reden Sie mit!“ teil. So kommt jede/r Zehnte aus den USA und beinahe jede/r Zwanzigste aus Russland“, resümiert Claudia Lingner, Initiatorin der Initiative und Geschäftsführerin der Ludwig Boltzmann Gesellschaft.

Abstimmung über Forschungsthemen von 22. September bis 6. Oktober unter www.redensiemit.org.

Die knapp 400 Beiträge werden derzeit durch ein ExpertInnenteam analysiert, kategorisiert, und Themenfelder zur künftigen Erforschung psychischer Erkrankungen identifiziert. Diese werden dann an die Community zurückgespielt, die vom 22. September bis 6. Oktober unter www.redensiemit.org über deren Priorität vorabstimmen kann. Im Anschluss wird eine Jury aus FachexpertInnen die identifizierten Forschungsbereiche beurteilen und neue Forschungsfragen formulieren. Ende des Jahres sollen diese Forschungsfragen und -felder der Wissenschaft zur weiteren Erforschung zur Verfügung gestellt und die inhaltlichen Ergebnisse aus dem Crowdsourcing-Prozess der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Die Ergebnisse dieses Crowdsourcing-Prozesses fließen zudem in das „Lab for Open Innovation in Science“ (LOIS) ein. LOIS ist ein exklusives Ausbildungsprogramm zur Anwendung von Open Innovation Methoden und Prinzipien, das von der Ludwig Boltzmann Gesellschaft im Zuge der Initiative erstmals konzipiert wurde. LOIS richtet sich an (Nachwuchs)Wissenschaft- lerInnen der Gesundheitswissenschaften an Universitäten, Fachhochschulen und anderen Forschungseinrichtungen weltweit ab dem Post-Doc-Level. 20 ausgewählte ForscherInnen bekommen ab April 2016 die Gelegenheit, in 13 Trainingsmodulen innerhalb eines Jahres berufsbegleitend den Umgang mit Open Innovation Methoden zu erlernen und die Prinzipien entlang des gesamten Forschungsprozesses zu erproben.

Interessierte WissenschaftlerInnen können sich bis zum 22. September 2015 unter www.openinnovationinscience.at für dieses einzigartige Weiterbildungsprogramm bewerben. Weitere Informationen zum Programm finden Sie unter http://www.openinnovationinscience.at/das-programm.html.

Über „Open Innovation in Science“

„Reden Sie mit!“ und LOIS sind Teil der europaweit einzigartigen Initiative „Open Innovation in Science“, deren Ziel es ist, Open Innovation Methoden in der Wissenschaft zu etablieren. Die gesamte Initiative wird getragen von der österreichischen Ludwig Boltzmann Gesellschaft und international von einem renommierten Advisory Board unterstützt, dem unter anderem VertreterInnen der WHO, der Harvard Medical School und der Max-Planck-Gesellschaft angehören. Durch die gezielte Öffnung des Innovationsprozesses soll neues Wissen von außen in die Forschung eingebracht werden. Weitere Informationen finden Sie unter www.openinnovationinscience.at.

Über die Ludwig Boltzmann Gesellschaft

Die Ludwig Boltzmann Gesellschaft (LBG) ist der Forschungsinkubator im Bereich Health Sciences in Österreich und betreibt 18 Forschungsinstitute und -cluster mit rund 600 MitarbeiterInnen. Die LBG steht mit ihrem Motto „Forschung für Menschen“ für die Behandlung gesellschaftsrelevanter Forschungsfragen.


Für weitere Informationen steht Ihnen zur Verfügung:
Ludwig Boltzmann Gesellschaft
Dr. Lucia Malfent
Project Manager Open Innovation in Science
Tel.: +43 (0) 1 513 27 50-21
Mobil: +43 (0) 676 392 19 40
E-Mail: lucia.malfent@lbg.ac.at
INTERVIEW MIT MAG. DR. SANDRA M. LETTNER
29.06.2015
Wann ist im Fall einer psychischen Erkrankung ein Krankenhausaufenthalt sinnvoll?

Ein Pauschalurteil ist hier schwierig, da ein stationärer Aufenthalt immer individuell abzuwägen ist – am besten aber zusammen mit dem/der behandelnden Klinischen Psychologen/in oder Facharzt/ärztin für Psychiatrie. Notwendig ist ein Krankenhausaufenthalt dann, wenn eine psychische Erkrankung akut und schwerwiegend auftritt und wenn Betroffene fremd- oder selbstgefährdend sind. Um eine Person davor zu bewahren, sich selbst etwas anzutun oder sich das Leben zu nehmen, erfolgt eine vorübergehende stationäre Aufnahme im sogenannten Unterbringungsbereich, um diese Person zu schützen. Nach eingeleiteter Behandlung geht es den Betroffenen meist schnell besser, sodass diese gegebenenfalls in eine Tagesklinik übernommen oder bei entsprechender Weiterbetreuung wieder nachhause entlassen werden können. Die Kontinuität der Behandlung ist hier besonders wichtig, um die PatientInnen beim Wiedereinstieg in ihren Alltag optimal zu unterstützen.

Worin liegt der Vorteil einer stationären Behandlung?

Der wesentliche Vorteil einer stationären Behandlung ist, dass die PatientInnen ein umfassenderes Therapieangebot vor Ort in Anspruch nehmen können: Zum Beispiel können psychologische Gruppenangebote mit MitpatientInnen in Anspruch genommen werden; die oftmals schwierige medikamentöse Therapieeinstellung kann unter Beobachtung besser vorgenommen werden; Bewegungstherapien, Beschäftigungstherapien und auch die aktivierende Pflege können bei Bedarf zum Einsatz kommen. Und vor allem können die PatientInnen die für die individuelle Problemlösung wichtige klinisch-psychologische Behandlung kostenfrei in Anspruch nehmen.

Im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen wird nur selten das Thema Genesung angesprochen – woher kommt das? Sind die Chancen, bei psychischen Erkrankungen gesund zu werden, geringer als bei körperlichen Erkrankungen?

Das kann man so nicht sagen. Je nach Schweregrad der psychischen Erkrankung wird auch der Gesundungsprozess länger oder kürzer dauern. Für Laien ist der Genesungsprozess psychisch Erkrankter nicht einfach erkennbar. Zum Beispiel ist der morgendliche Energiemangel bei depressiven PatientInnen meist ein zentraler Punkt. Um sich im Rahmen einer klinisch-psychologischen Behandlung zu aktivieren, versuchen die Betroffenen eigenen Aktivitätsplänen mit steigendem Schwierigkeitsgrad zu folgen. Für Angehörige ist meist nur erkennbar, dass Alltagsaktivitäten wieder in Angriff genommen werden. Für die PatientInnen ein Meilenstein, für Außenstehende möglicherweise nur ein Gang zum Briefkasten. Und ich darf eine Gegenfrage stellen: Wer entscheidet über den Grad der Genesung? Betroffene sind dann genesen, wenn sie sich selbst wieder in der Lage sehen, Privat- und Arbeitsleben gut bewältigen zu können. Je nach Diagnose, Dauer der Erkrankung und bereits getroffenen Behandlungsmaßnahmen bewegt sich ein Genesungsprozess in zeitlich unterschiedlichen Dimensionen. Beruhigend ist zu wissen, dass zum Beispiel eine depressive Episode mit der richtigen Behandlung, nämlich einer klinisch-psychologischen Behandlung, besonders gute und rasche Heilungsaussichten hat. Und zwar deshalb, weil diese Behandlungsform nicht nur zum Verstehen der Erkrankung, sondern auch zur Verhaltensänderung und Problemlösung beiträgt, und weil damit die medikamentöse Unterstützung zum Wiederherstellen des Gleichgewichtes der Botenstoffe im Gehirn und der motorischen Aktivierung ebenfalls gegeben ist.

Wie beurteilen Sie die Initiative der Ludwig Boltzmann Gesellschaft zur Einbindung der Bevölkerung in die Erforschung von psychischen Erkrankungen? In welchen Bereichen könnte das Wissen von Betroffenen besonders hilfreich sein?

Ich halte die Initiative für sehr wichtig und freue mich, dass sich die Ludwig Boltzmann Gesellschaft des Themas der psychischen Erkrankungen in dieser Form annimmt. Damit werden sowohl Betroffene als auch ihr soziales Umfeld und ExpertInnen in die Diskussion miteinbezogen. Sie alle können gemeinsam zu einem vielfältigen Austausch beitragen. Mit dieser Aktion schafft die Ludwig Boltzmann Gesellschaft die Möglichkeit, über psychische Erkrankungen offen zu sprechen und Berührungsängste abzubauen. Sie trägt zur Entstigmatisierung psychisch erkrankter Menschen bei. Betroffenen wird eine Stimme gegeben und es entsteht ein Klima des Verständnisses.

Ich freue mich, dass der Berufsverband Österreichischer PsychologInnen Kooperationspartner bei dieser Aktion ist und wünsche der Aktion viel Erfolg!



In Zusammenarbeit mit Frau Mag. Dr. Lettner haben wir einen Überblick über die Berufsgruppen PsychologIn / PsychiaterIn / PsychotherapeutIn

Klinische PsychologInnen haben sich nach Abschluss des fünfjährigen Psychologiestudiums in einer postgraduellen theoretischen und praktischen Fachausbildung intensiv mit der Beschreibung, Erklärung und Veränderung psychischer Störungen auseinandergesetzt.

Mit folgenden Fragen und Themen wendet man sich an Klinische PsychologInnen:

Bevor eine Behandlung begonnen werden kann, ist eine ausführliche und detaillierte Diagnostik notwendig. Diese klinisch-psychologische Diagnostik erfolgt mittels psychologischer Verfahren und diagnostischer Gespräche hinsichtlich Leistungsfähigkeit, Persönlichkeitsmerkmalen, Verhaltensstörungen, psychischer Veränderungen und Leidenszuständen. Dazu werden Gutachten, Zeugnisse, Befunde erstellt und darauf gründen sich dann die Beratungen, Behandlungen und Prognosen. Die Kosten dafür können im ambulanten Bereich teilweise oder gänzlich über die Krankenkassen abgerechnet werden. Die klinisch-psychologische Beratung und Behandlung von psychischen, psychosomatischen Symptomen und Störungen erfolgt durch die Anwendung psychologischer Behandlungsmethoden zur Behandlung und Rehabilitation von Einzelpersonen und Gruppen, sowie zur Unterstützung bei somatischen Erkrankungen (Krebs, Herz-, Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfall). Krisenintervention und Stabilisierung kommt nicht nur bei Traumata, sondern auch im Rahmen von somatischen Erkrankungen oder vor Operationen zum Einsatz. Paar- und Gruppenberatungen sind wesentliche Einsatzgebiete für PsychologInnen. Die Behandlung erfolgt zielfokussiert und lösungsorientiert, sowie auf Basis der vorangegangenen Diagnostik. Zusammen mit den PatientInnen wird nach dem eklektischen Ansatz vorgegangen. Das bedeutet, dass wir PsychologInnen uns der Behandlungsmethode bedienen dürfen, welche für die Problematik oder das Störungsbild nachgewiesener Maßen wirkungsvoll und hilfreich ist.

Seit 20 Jahren gibt es bereits die Möglichkeit der klinisch-psychologischen Diagnostik auf Krankenschein, as so viel bedeutet, dass die Krankenkassen die klinisch-psychologische Diagnostik bezahlen. Nicht so ist es mit der klinisch-psychologischen Behandlung, die von Betroffenen noch immer selbst zu finanzieren ist. Wir vom Berufsverband Österreichischer PsychologInnen kämpfen schon seit vielen Jahren dafür, dass auch die Kosten der klinisch-psychologischen Behandlung von den Krankenkassen übernommen werden.

GesundheitspsychologInnen beschäftigen sich mit den Bedingungen zur Erhaltung der Gesundheit sowie mit den Entstehungsbedingungen von Krankheiten und in der Folge insbesondere mit der Erstellung theoretischer Konzepte und konkreter praktischer Maßnahmen zur Etablierung einer gesundheitsförderlichen Umgebung. Möchte man Beratung und Behandlung im Zusammenhang mit Präventionsmaßnahmen in Anspruch nehmen (z.B. psychologische Raucherentwöhnung, psychologische Ernährungsberatung), wird man sich an GesundheitspsychologInnen wenden. GesundheitspsychologInnen haben ebenfalls ein fünfjähriges Psychologiestudium sowie eine postgraduelle theoretische und praktische Fachausbildung absolviert.

Mit FachärztInnen für Psychiatrie arbeiten die PsychologInnen eng zusammen, da diese gegebenenfalls medikamentöse Therapien (hier vor allem Psychopharmaka) verschreiben oder andere medizinische Therapien verordnen. FachärztInnen für Psychiatrie haben nach Abschluss des Medizinstudiums eine Zusatzausbildung im Fachbereich der Psychiatrie absolviert. Vor allem im stationären Bereich, aber auch in der ambulanten Versorgung arbeiten PsychologInnen und FachärztInnen für Psychiatrie eng zusammen.

Psychotherapie ist der Überbegriff für eine Vielzahl von verschiedenen Therapiemethoden. PsychotherapeutInnen therapieren psychosozial oder psychosomatisch bedingte Verhaltensstörungen und Leidenszustände. In Österreich sind derzeit 23 unterschiedliche Methoden zugelassen, wie zum Beispiel Systemische Familientherapie, klientenzentrierte Psychotherapie, Verhaltenstherapie, Integrative Gestalttherapie, Psychoanalyse und katathymes Bilderleben.

Frau Mag. Dr. Sandra M. Lettner ist Präsidentin des Berufsverbandes Österreichischer PsychologInnen und Klinische- und Gesundheitspsychologin, Klinische Neuropsychologin, Notfallpsychologin, Biofeedbacktherapeutin und Psychologische Schmerztherapeutin im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Ried, Oberösterreich.
Wie kann man in der heutigen Arbeitswelt psychische Erkrankungen vorbeugen?
29.06.2015
Herr Mag. Dr. Sippl, vom Österreichischen Bundesverbandes für Psychotherapie erklärt im Interview, wie man psychische Erkrankungen in der Arbeitswelt vorbeugen kann und warum ihm mehr Forschung in der Resilienz besonders am Herzen liegt. Hier geht's zum Video!
Was macht die psychiatrische Pflege aus und wo liegen die größten Herausforderungen?
29.06.2015
Herr Bachmann, MSc. vom Sozialmedizinischen Zentrum Baumgartner Höhe, erklärt im Interview die Besonderheiten der psychiatrischen Pflege und worin die größten Herausforderungen liegen, einen Patienten in der Heilung am besten zu unterstützen. Hier geht's zum Video!
Essstörungen: Betroffene werden immer jünger.
19.06.2015
Brigitte Lenhard-Backhaus ist Teil des Leitungsteams der Beratungsstelle „intakt“. Intakt ist ein ambulantes Therapie- und Kompetenzzentrum im Essstörungsbereich. Im Interview spricht sie über Essstörungen als Lebensbewältigungsstrategie und erklärt wie Eltern Alarmzeichen erkennen können. Hier geht's zum Video!
Im Gespräch mit Univ.-Prof. Dr. Thun-Hohenstein
11.06.2015
Im Interview erklärt Univ.- Prof. Dr. Thun-Hohenstein was psychische Erkrankungen für Kinder bedeuten und wie Eltern solche Erkrankungen erkennen können. Hier geht's zum Video!
Interview mit Univ.-Prof. Dr. Thun-Hohenstein
11.06.2015
Herr Univ.-Prof. Dr. Leonhard Thun-Hohenstein leitet seit 2009 die Universitätsklinik für Kinder und Jugendpsychiatrie Salzburg. In unserem Interview beantwortet er Fragen zum Thema psychische Erkrankungen bei Kindern.

Wie kann man als Elternteil beim eigenen Kind feststellen, dass gewisse Verhaltensweisen nicht mehr zur normalen Entwicklung gehören? Gibt es Warnzeichen oder Ähnliches, worauf man achten kann?

Hellhörig muss man werden, wenn die Kinder ihre gleichaltrigen Beziehungen nicht mehr adäquat managen können. Das merkt man z.B. daran, dass sie sich zurückziehen oder dauernd in Konflikte geraten und diese nicht altersgemäß gestalten. Andere Hinweise sind unverhältnismäßige emotionale Äußerungen, wenn also ein Kind zum Beispiel über das normale Maß hinaus sehr traurig oder sehr wütend ist. Oder aber auch sehr schwankende Zustände – von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt. Ein weiteres Indiz wären Ängste, die über das normale Maß von Entwicklungsängsten hinausgehen. Fast jedes Kind fürchtet sich vor Dunkelheit oder vor dem „fremden Mann“, aber wenn es darauf hinausläuft, dass die Funktionalität des Lebens dadurch verloren geht – also dass Kinder nicht mehr in der Peer-Gemeinschaft integriert sind, dass sie nicht mehr in die Schule gehen, in den Kindergarten, sich zuhause verkriechen oder mit der Leistung abfallen –, das sind dann Dinge, wo man rasch handeln muss.

Was würden Sie Eltern empfehlen? Wann reagiert man? Wohin führt mich als Mutter oder Vater der erste Weg?

Für mich gibt es da folgende Regel: Fällt einem ungewöhnliches Verhalten bei seinem Kind auf, sollte man zunächst etwa vier Wochen beobachten, ob es von selber wieder vergeht. Man muss versuchen zu verstehen, welche Faktoren das Verhalten auslösen oder ausgelöst haben könnten, welche aktuellen Belastungen es gibt, welche Schwierigkeiten man in der Familie hat. Und wenn diese Verhaltensauffälligkeiten nach drei bis vier Wochen nicht verschwinden, würde ich mich nach einer professionellen Hilfe umschauen. Da ist Österreich ein bisschen benachteiligt – in anderen Ländern könnte man sofort zum Kinderpsychiater gehen. Aber auch bei uns verbessert sich die Situation – in Wien, Niederösterreich, Oberösterreich und in Kärnten gibt es ausreichende niedergelassene Kinder- und Jugendpsychiater in der freien Praxis. Außerdem entstehen zunehmend Ambulatorien. Kliniken gibt es genug in Österreich, nur von der Kapazität sind sie noch zu klein. Aber der erste Weg wäre es, zu einem niedergelassenen Kinderpsychiater oder zu einem niedergelassenen Kinderpsychologen oder Psychotherapeuten zu gehen.

Welche psychischen Erkrankungen treten bei Kindern besonders häufig auf? Und kann man hier eine typische Entwicklung beobachten?

Die häufigsten Erkrankungen bei Kindern sind Angststörungen, circa sechseinhalb Prozent der Kinder haben eine Angststörung. Zu ebenfalls circa sechs Prozent treten Störungen des Sozialverhaltens auf: also die „schlimmen Kinder“, die „störrischen Kinder“, diejenigen, die Regeln übertreten, die sich in der Klasse nicht integrieren können. Gefolgt von Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörungen mit drei Prozent. Dann kommen schon die Depressionen mit 2,6 Prozent und schließlich seltenere Störungen, wie Essstörungen oder Autismus, die alle unter einem Prozent Häufigkeit liegen. Allerdings haben Letztere aufgrund des Schweregrades der Erkrankung und der Beeinträchtigung im Leben eine große Bedeutung. Verändert hat sich in den letzten Jahren, dass eine Verlagerung innerhalb der Krankheitsbilder stattgefunden hat: So haben Essstörungen sicher mehr an Bedeutung gewonnen. Auch Störungen des Sozialverhaltens sind deutlich in den Vordergrund getreten, wobei ADHS hervorzuheben ist. Insgesamt muss man aber sagen, dass die Häufigkeit der psychischen Erkrankungen nicht gestiegen ist. Seit Jahrzehnten findet man in der Bevölkerung ungefähr zwanzig Prozent auffällige Kinder, während diejenigen, die die Krankheitskriterien tatsächlich erfüllen, so etwa bei zehn Prozent liegen. Die gleiche Situation sehen wir auch international. Gerade ist eine Studie im New England Journal of Medicine dazu publiziert worden und auch die deutsche Bella Studie und Studien aus Österreich ergeben die gleichen Zahlen.

Sie haben bereits das Angebot für psychisch erkrankte Kinder angesprochen, das in Österreich nicht optimal ist, aber sich verbessert. Wenn aber das Angebot nicht optimal ist, kann dann Prävention überhaupt ein Thema sein?

Die primäre Prävention ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Das ist nicht einmal die Aufgabe der Psychiatrie. Das ist eine Aufgabe, die die Gesellschaft übernehmen müsste. Das heißt zum Beispiel „Armutsprävention“. Auch die Gruppe der alleinerziehenden Eltern ist von erhöhtem Risiko betroffen, schon aufgrund der Tatsache, dass sie Erzieher sind und gleichzeitig arbeiten gehen müssen, dass sie alleine alles für das Kind machen müssen. Das ist natürlich eine riesige Belastung. Und da könnte der Staat schon etwas dazu beitragen – also Armutsvermeidung ist hier ein ganz wichtiger Punkt. Das Zweite ist das Bildungssystem: Je besser gebildet – und nicht nur wissensgebildet, sondern auch sozial –, umso niedriger ist das Risiko einer psychischen Erkrankung. Da gibt es in verschiedenen Ländern ganz verschiedene Konzepte. , „Headstart“ sind ganz früh beginnende Interventionen bei Risikofamilien, schon nach der Geburt oder bereits während der Schwangerschaft. Es gibt viele vorbeugende Maßnahmen, die der Staat bzw. das Gesundheitswesen auch ohne das Eingreifen von Psychiatern machen könnte. Insofern ist der Mangel an Kinderpsychiatern, soweit es die primäre Prävention betrifft, gar nicht sehr relevant. Allerdings braucht es auch immer Kämpfer, die dieses Thema weitertreiben. Und da fehlen die Kinderpsychiater dann doch. Aber wir haben in den letzten Jahren dennoch immer ganz gut Gehör gefunden und einiges weiterentwickeln können.

Sie sagen es braucht Kämpfer für dieses Thema – die Ludwig Boltzmann Gesellschaft bemüht sich, die Erforschung psychischer Erkrankungen voranzubringen, wie beurteilen Sie diese Initiative?

Also ich war ganz erstaunt über diese Initiative, nämlich insofern, dass Forschung meistens etwas In-Sich-Geschlossenes ist, d.h. das machen ein paar Forscher, die denken sich etwas aus, die suchen um einen Grant an, usw. … und dann macht in diesem Fall jemand gleich die Öffnung hin zur Bevölkerung: Das finde ich genial! Die Menschen wissen viel über sich und sie wissen sehr viel über ihre Erkrankungen und haben sehr kluge Fragen zu diesen Erkrankungen, die wir oft nicht beantworten können. Und so ein Crowdfunding auf intellektueller Ebene finde ich einen extrem spannenden Ansatz. Ich wünsche dem Projekt sehr viel Erfolg, denn das ist wirklich toll.

In Ihrer Funktion als Leiter der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie sind Sie auch mit Forschung befasst. Wo gibt es denn aus Ihrer Sicht weiße Flecken, wo die Forschung ansetzen sollte und könnte.

Das ist eine spannende Frage. Was uns allen am meisten am Herzen liegt: Wir wollen verstehen, woher diese Krankheiten kommen. Wir haben heute sehr komplexe Modelle, wir wissen, dass es soziale Faktoren, körperliche Faktoren, psychische Faktoren und Situationsfaktoren gibt, die das Auftreten einer psychischen Erkrankung begünstigen. Und in Zukunft zu verstehen, welche Faktoren vorhanden sein müssen, damit es zur Erkrankung kommt, scheint mir daher der wichtigste Forschungsweg. Daran knüpft sich natürlich die Frage: Wie kann ich eine Erkrankung dann eventuell ursachengemäß behandeln bzw. im Sinne der Prävention der Erkrankung vorbeugen? Denn wenn ich alle Faktoren kenne, kann ich umso besser Prävention betreiben. Das wäre für mich sozusagen ein Hauptziel bzw. die Hauptrichtung von zukünftiger Forschung.

Danke für das Gespräch!
Reden Sie mit: Noch vier Wochen bei der Erforschung psychischer Krankheiten
05.06.2015
Zwischenbilanz der europaweit einzigartigen Initiative ‚Reden Sie mit!‘ der Ludwig-Boltzmann-Gesellschaft: Großes Interesse und rege Teilnahme vor allem aus Deutschland, Österreich, den USA und Russland
Teilnahmefrist aufgrund großer Resonanz verlängert
Noch bis 6. Juli können Betroffene, Angehörige und Experten unter www.redensiemit.org Vorschläge einreichen und so die künftige Erforschung psychischer Erkrankungen mitgestalten

Wien, 02. Juni 2015 – Von Betroffenen zu Beteiligten werden: Die große Resonanz der Initiative „Reden Sie mit!“ unterstreicht, dass viele Patienten und Angehörige ihre Erfahrungen und Fragen hinsichtlich der Erforschung psychischer Erkrankungen einbringen wollen. Über die Plattform www.redensiemit.org haben sie die Möglichkeit, Vorschläge einzureichen, welche Probleme und ungelösten Fragen zur Vorbeugung, Diagnose und Behandlung psychischer Erkrankungen von der Forschung aufgegriffen werden sollen. Damit können Bürgerinnen und Bürger - erstmalig in dieser Form - aktiv an der Gestaltung der Wissenschaft mitwirken. Die Teilnahmefrist der europaweit einzigartigen Initiative wird bis zum 6. Juli verlängert.

„In den ersten sechs Wochen hat uns eine dreistellige Anzahl von qualitativ äußerst hochwertigen Beiträgen zur künftigen Erforschung psychischer Erkrankungen erreicht. Aufgrund der Vielzahl an Anfragen von Interessenten, die sich mehr Zeit für die Ausarbeitung ihrer Vorschläge wünschen, werden wir die Open-Innovation-Plattform zwei zusätzliche Wochen offen lassen“, so Claudia Lingner, Geschäftsführerin der Ludwig Boltzmann Gesellschaft. „Die bisherige Resonanz auf die Initiative bestätigt, dass ein hoher Bedarf bei Betroffenen, ihren Verwandten und Freunden, sowie bei Experten wie beispielsweise Therapeuten besteht, sich mit persönlichen Erfahrungen und Fragen an der Erforschung psychischer Erkrankungen zu beteiligen. Von den Erkenntnissen aus diesem offenen Innovationsprozess in der Gesundheitsforschung können auch andere Forschungsvorhaben profitieren, sodass wir wertvollen Input für die gesamte Wissenschafts-Community leisten.“

Internationales Interesse von Betroffenen und Angehörigen

Unter den fast 7.000 Besuchern der Website, auf der die Teilnehmer ihre Beiträge einreichen können, sind Erkrankte, Angehörige und Experten aus 63 Ländern – darunter überdurchschnittlich viele aus Deutschland, Österreich, den USA und Russland. Jeder achte eingereichte Beitrag stammt von einem Patienten und jeder vierte von Angehörigen. Jeder fünfte Beitrag wurde von Psychologen oder Psychotherapeuten eingereicht und immerhin jeder zwanzigste von einem Mediziner. Dabei sind alle Altersklassen von 20 bis 75 Jahren gleichermaßen vertreten, wobei die Einreichungen durch weibliche Teilnehmer mit 60 Prozent gegenüber den männlichen leicht überwiegen – so der aktuelle Stand.

„Wir hoffen in den verbleibenden vier Wochen auf ein weiterhin so reges Interesse an diesem neuartigen Wissenschaftsprozess“, so Claudia Lingner. Eine internationale Fachjury analysiert im Anschluss die Beiträge und gibt die Ergebnisse im Herbst zur Abstimmung an die Community zurück. Im Anschluss werden die identifizierten Forschungsthemen sowie die Erfahrungen aus diesem Innovationsprozess veröffentlicht.

Über Open Innovation in Science

Die Ludwig Boltzmann Gesellschaft startete im Frühjahr 2015 die Initiative ‚Reden Sie mit!‘ , die es Interessierten und Betroffenen ermöglicht, am Forschungsprozess und vor allem an der Generierung von Forschungsfragen teilzunehmen. Der Fokus der Initiative liegt auf dem Bereich psychische Erkrankungen und ist Teil des Gesamtprojekts ´Open Innovation in Science‘. Durch die gezielte Öffnung des Innovationsprozesses soll neues Wissen von außen in die Forschung gebracht werden. Weitere Informationen unter www.openinnovationinscience.at.

Über die Ludwig Boltzmann Gesellschaft

Die Ludwig Boltzmann Gesellschaft (LBG) ist der Forschungsinkubator im Bereich der Health Sciences in Österreich und betreibt 18 Forschungseinrichtungen (Ludwig Boltzmann Institute/LBI) mit rund 550 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Die LBG steht mit ihrem Motto „Nahe am Menschen“ für die Behandlung gesellschaftsrelevanter Forschungsfragen.

Für weitere Informationen steht Ihnen zur Verfügung:
Ludwig Boltzmann Gesellschaft
Dr. Lucia Malfent
Project Manager Open Innovation in Science
Tel.: +43 (0) 1 513 27 50-21
Mobil: +43 (0) 676 392 19 40
E-Mail: lucia.malfent@lbg.ac.at
Teilnahmefrist wird verlängert!
02.06.2015
Die Teilnahmefrist der europaweit einzigartigen Initiative Reden Sie mit! wird aufgrund großer Resonanz bis zum 6. Juli verlängert. Zudem gibt es die Möglichkeit, Beiträge auch per E-Mail an kontakt@redensiemit.org einzureichen – ohne Registrierung!
Dorothea Sauter ist neues Mitglied unserer „Reden Sie mit!“-Jury !
28.05.2015
Wir freuen uns sehr, Ihnen Dorothea Sauter, Vizepräsidentin Deutsche Fachgesellschaft Psychiatrische Pflege (DFPP e.V.), Projektbeauftragte Pflegedokumentation Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) und Fachbuchautorin, als neues Jury Mitglied vorzustellen.

"Psychiatrische Helfer aller Berufsgruppen wollen für die Betroffenen das Richtige tun. Das gelingt am besten, wenn ihr Erfahrungswissen mit den Zielen und Bedürfnisse der PatientInnen und mit dem aktuellen Forschungswissen in Übereinstimmung gebracht werden. Es gibt viel Forschungswissen zu kurzfristigen Therapien und Prozessen und zu Wirkstoffen. Es gibt wenig gesichertes Wissen darüber, was langfristig hilft, was Lebenssouveränität trotz Einschränkung gewährleistet, was nichtprofessionelle Hilfen bewirken oder was Menschen, die sich nicht gut verbalisieren können, erleben. Forschungsthemen werden in aller Regel von dem bestimmt, der die Forschung finanziert. Sinnvolle Forschung muss aber die Themen bearbeiten, die für die Betroffenen und ihre Familien sowie für alle, die Hilfen anbieten oder finanzieren wichtig sind. Daher ist es wichtig, diese Themen genau zu erfragen und dann der Forschungswelt „auf die Agenda zu schreiben."
Neue Mitglieder in unsere „Reden Sie mit!“-Jury
12.05.2015
Wir freuen uns sehr, Ihnen die neuen Mitglieder der „Reden Sie mit!“-Jury vorzustellen. Die Jury ist nun „komplett“ und wir sind stolz, dass wir diese sieben hochrangigen, internationalen ExpertInnen aus den Bereichen Psychiatrie, Psychologie, Psychotherapie, Pflege, Patienten und Angehörigen-Beratung für die Mitarbeit an unserem Projekt gewinnen konnten.

Ulrike Schmidt, Oberärztin d. Geschützten Station - Leiterin der Trauma-Ambulanz - Leiterin Forschungsgruppe Molekulare Psychotraumatologie, Max-Planck-Institut für Psychiatrie
Johannes Wancata, Leiter der Klinischen Abteilung für Sozialpsychiatrie, Univ.-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Universität Wien und Koordinator „Mental Health & Behavioural Medicine“
Peter Stippl, Psychotherapeut, Supervisor; Präsident des Österreichischer Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP)
Sandra Lettner, Präsidentin Berufsverband Österreichischer PsychologInnen (BÖP)
Edwin Ladinser, Leiter der Beratungsstelle und Geschäftsführer HPE Österreich - Hilfe für Angehörige und Freunde psychisch Erkrankter
Werner Schöny, Vorstandsvorsitzender pro mente Oberösterreich, Präsident pro mente Austria
Jutta Fiegl, Vizerektorin der Sigmund Freud Privat Universität

Wir heißen unsere neuen Mitglieder herzlich Willkommen!
Welche Bedeutung haben Angehörige im Leben psychisch erkrankter Menschen?
11.05.2015
Herr Mag. Ladinser von HPE (Hilfe für Angehörige und Freunde psychisch Erkrankter) hat im Live Chat am 12. Mai Fragen zum Thema "Welche Bedeutung haben Angehörige im Leben psychisch erkrankter Menschen?" beantwortet. Wir haben in einem anschließenden Interview für Sie die wichtigsten Fragen zusammengefasst. Hier geht's zum Video!
GESPRÄCH MIT HERRN MAG. DR. STIPPL ZUM THEMA BURN-OUT
08.05.2015
Wir freuen uns über einen neuen, hochrangigen Experten in unserem Advisory Board: Herr Mag. Dr. Stippl, Präsident des Österreichischen Bundesverbandes für Psychotherapie. Im Interview beantwortet er Fragen zum Thema Burn-out.

Frage: Wie kann man Burn-out bei sich selber, aber auch bei anderen erkennen?

Ich möchte kurz grundsätzlich festlegen, was meine Interpretation von Burn-out ist. Es handelt sich um ein Ungleichgewicht zwischen Geben und Nehmen – Leisten und Entspannen – etwas für andere tun und etwas für sich selbst tun. Bei einem Burn-out ist dieses Verhältnis völlig aus dem Gleichgewicht geraten. Dieser Zustand ist mit einem extremen Erschöpfungszustand in seiner Vollausprägung zu vergleichen. Man schafft es nicht mehr sich richtig zu erholen, einzuschlafen, kann nicht mehr durchschlafen und sich auch nicht mehr entspannen. Burn-out ist wirklich ein Zusammenbruch.

Frage: Wie kann man als Außenstehende/r ein Burn-out bei einem anderen Menschen erkennen?

Es ist wie so oft eine Sammlung von mehreren Symptomen. Man wird ungeduldiger, aggressiver. Man ist wegen jeder Kleinigkeit absolut genervt. Man ist nicht mehr belastbar und es passieren Fehler, die sonst nicht geschehen – Flüchtigkeitsfehler. Das Unfallrisiko steigt enorm. Die Ansichten eines Menschen, der auf ein Burn-out zusteuert, werden unrealistisch. Ein Beispiel hierfür wäre ein Baustellenleiter, der trotz verspäteter Lieferung und knapp kalkulierter Baustelle krampfhaft versucht, den Termin einzuhalten. „Und wenn wir die nächsten 24 Tage 15 Stunden täglich durcharbeiten – wir halten unsere Zusagen!“ Die Qualität der Arbeit, das Risiko für Unfälle, das Risiko für Fehler? – alles das wird nicht bedacht! „Wenn was passiert, müssen wir noch ‚fester‘ arbeiten!“
Man verliert das Gespür für die eigene Befindlichkeit – Warnsignale des Körpers, wie z.B. Magenschmerzen, werden mit Tabletten gleichsam „weggedrückt“. Man gerät in eine derartige Manie hinein, dass auch der Dialog mit sich selber praktisch nicht mehr möglich ist. Meist ist dieser Zustand nur durch einen Zusammenbruch zu stoppen. So gesehen ist der Zusammenbruch die letzte Rettungsmöglichkeit des Körpers. Bildhaft gesprochen ist es ähnlich wie bei einem Herzinfarkt, der den Körper „flachlegt“, damit das Hirn noch mit Blut versorgt werden kann. Und so ähnlich ist es auch beim Burn-out. Im Dienst des Überlebens kollabiert der Körper.

Frage: Können aus einem Burn-out auch andere psychische Erkrankungen resultieren?

Lassen Sie es mich so formulieren: Es gibt das Phänomen, dass verschiedene psychische Krankheiten die Folge von anderen Krankheiten sind. Eine Depression zum Beispiel kann durch Alkohol übertüncht werden. Jetzt ist es oft so, dass ein Alkoholiker als primäre psychische Krankheit nicht die Suchterfahrung hat, sondern die Depression, die er in einer falsch verstandenen Selbstbehandlung mit Alkohol sediert. Ähnliches gibt es bei Hochrisiko-Sportarten – manche Menschen leiden an einer Sinnkrise, aber diese Form des Risikos gibt Ihnen den Kick, eine Art Lebensmotivation. Und genauso kann sein, dass jemand in der Vermeidung von schweren Gedanken, im Übergehen von Trauer oder dem Verarbeiten von traumatischen Erlebnissen einen Weg wählt, der so nahe an der Selbstausbeutung und Selbstvernichtung ist, dass Burn-out eine logische Folge ist. Das Burn-out sieht man aber sehr viel früher als die tatsächliche Ursache, weil die versteckte Trauer oder Depression für den Außenstehenden oft nicht erkennbar ist.

Frage: Das heißt, Burn-out ist viel offensichtlicher als viele andere psychische Erkrankungen?

Richtig, und es kann auch ein ungeeigneter Kompensationsversuch dahinterstehen. Man muss aber aufpassen, dass Burn-out nicht ausschließlich in Verbindung mit Job und Erwerbsarbeit verstanden wird. Es geht um ein Be- und Überlastungsproblem – das kann ganz genauso in einer ehrenamtlichen Tätigkeit, in einer 24-Stunden Pflege-Situation Angehöriger oder ähnlichem auftreten. Und wie ich vorher schon gesagt habe: Burn-out ist, wenn Geben und Nehmen – Leisten und Entspannen signifikant aus dem Gleichgewicht geraten.

Frage: Und was passiert nach einem Burn-out?

Ich möchte da etwas zur Dauer der Heilung sagen: Die normale Rehab (Rehabilitation, von der Pensionsversicherung bezahlt, um die Erwerbsfähigkeit zu erhalten) dauert 22-23 Tage, also drei Wochen, bei Burn-out ist die Rehab-Zeit für sechs bis acht Wochen angesetzt. Die Pensionsversicherung hat sie so angesetzt, weil es kürzer nicht wirklich geht. Eine massive Burn-out-Erkrankung braucht dringend eine Gesamt-Heilungszeit von mindestens vier bis sechs Monaten.

Burn-out ist eine Extremkrise der gesamten Person. Und eine Krise birgt in sich immer eine Chance. Wenn man also die Zeit nach dem Zusammenbruch nutzt, Abstand vom Geschehen zu bekommen und unter Umständen seine eigene Lebensweise, seine Prioritäten und Werte in Frage zu stellen, neu zu ordnen, dann eröffnet das die Chance, gestärkt und als gesunder Mensch aus einem Burn-out herauszugehen.



Mag. Dr. Peter Stippl war 30 Jahre in der Wirtschaft, als er berufsbegleitend Psychotherapiewissenschaften studierte und beschloss, eine neue Herausforderung anzunehmen. Nun ist er Präsident des Österreichischen Bundesverbandes für Psychotherapie und als Psychotherapeut, Supervisor und Coach tätig.
Umfrage zum 2. Live Chat - jetzt abstimmen!
07.05.2015
Stimmen Sie jetzt ab, welches Thema beim 2. Chat diskutiert wird!
Am 12. Mai von 17:00 bis 18:00 Uhr beantwortet Herr Mag. Ladinser, von HPE (Hilfe für Angehörige und Freunde psychisch Erkrankter), Ihre Fragen im Live-Chat auf der Plattform Reden Sie mit!. Folgende Themen stehen zur Auswahl:

• Welche Bedeutung haben Angehörige im Leben psychisch erkrankter Menschen?
• „Mir kann‘s nur gut gehen, wenn es dir gut geht“ Stimmt’s?
• Psychisch Erkrankte brauchen gute Therapien – und was noch?

Um an der Umfrage teilnehmen zu können ist eine Registrierung erforderlich.
Was kann ich tun um meine psychische Gesundheit zu erhalten?
29.04.2015
Herr Grammer von pro mente OÖ beantwortet unsere Fragen zum Thema psychische Gesundheit: Hier geht's zum Video!
Stellen Sie Ihre Fragen!
28.04.2015
Was kann ich tun um meine psychische Gesundheit zu erhalten? – diese Frage ist der Themenschwerpunkt im Live-Chat am 29. April. Herr Grammer von pro mente Oberösterreich wird von 17:00 bis 18:00 Uhr Ihre Fragen im Live-Chat auf der Reden Sie mit! Plattform beantworten. Für die Teilnahme am Live Chat ist eine Registrierung erforderlich.
Umfrage zum Live Chat - jetzt abstimmen!
27.04.2015
Am 29. April von 17:00 bis 18:00 Uhr beantwortet Herr Mag. Grammer von pro mente Oberösterreich Ihre Fragen im Live-Chat auf der Plattform Reden Sie mit!. Folgende Themen stehen zur Auswahl:

• Was kann ich tun um meine psychische Gesundheit zu erhalten?
• Wie verhalte ich mich gegenüber psychisch kranken Angehörigen oder ArbeitskollegInnen?
• Welche Unterstützungsangebote gibt es für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen? – Was könnte wann sinnvoll sein?

Um an der Umfrage teilnehmen zu können ist eine Registrierung erforderlich.
Interview mit Alfred Pritz
20.04.2015
Herr Rektor Pritz, Sie leiten die weltweit erste und einzige Universität für Psychotherapiewissenschaften. Bietet die Psychotherapie eine geeignete Behandlung bei Angststörungen?

Angstzustände können durch die psychotherapeutische Beziehung sehr gut beeinflusst werden und sind meist pharmakologischen Maßnahmen überlegen.


Angst hat eine wichtige Signalfunktion im sozialen Beziehungsleben. Zur Krankheit wird Angst dann, wenn die sich ängstigende Person darunter massiv zu leiden beginnt und keinen Ausweg mehr findet.

Was ist die größte Belastung für PatientInnen mit Angststörungen?

Die größte Belastung bei Angststörungen ist das Gefühl des Ausgeliefertseins und das Fehlen von Eigenbestimmtheit.

Die Initiative Reden Sie mit! der Ludwig Boltzmann Gesellschaft bindet die Bevölkerung in die Erforschung von psychischen Erkrankungen ein – Wie beurteilen Sie diesen Ansatz?

Ich finde diese Initiative großartig, weil sie nicht nur Symptome sieht sondern den Menschen die Möglichkeit bietet, kontextuell aus ihrem jeweiligen Lebenszusammenhang zum Beispiel die Entstehung von Ängsten zu schildern. So entsteht ein neues Verständnis in der Hereinnahme subjektiver Daten für eine Verbesserung des Behandlungsangebots.

Zur Person:

Univ. Prof. Dr. Dr. hc. mult. Alfred Pritz, Psychoanalytiker, Generalsekretär der European Association for Psychotherapy und Präsident des World Council for Psychotherapy. Er ist Mitgründer und Rektor der weltweit ersten und einzigen Universität für Psychotherapiewissenschaften, der Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien.

www.sfu.ac.at

Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Alfred Pritz
Rektor
Sigmund Freud PrivatUniversität
Wien Paris Berlin Ljubljana Milano Linz
Freudplatz 1
A-1020 Wien
Startschuss
16.04.2015
Im Rahme des Events „Meet Science“ der Ludwig Boltzmann Gesellschaft fiel am 16. April 2015 der offizielle Startschuss für Reden Sie mit! Staatssekretär Mahrer eröffnete die Online-Plattform, auf der nun bis zum 16. Juni 2015 Beiträge eingereicht werden können. Mitverfolgen können Sie das Event auf unserem Live-Stream unter: www.meetscience.tv/ms_live. Für alle, die am Donnerstag leider keine Zeit hatten gibt es eine Aufzeichnung unter www.meetscience.tv!
Ab jetzt mitreden
16.04.2015
Ihre Beobachtungen im Umgang mit psychischen Krankheiten sind von höchstem Wert für die Forschung. Reichen Sie bis 16. Juni 2015 Ihren Beitrag ein. Ihre Erfahrungen werden von ExpertInnen analysiert und als Grundlage für weitere Forschungsvorhaben verwendet.